Länger gemeinsam Lernen – Die Schulreform in Hamburg
Die Schulreform in Hamburg, das wichtigste gemeinsame Projekt der schwarz-grünen Koalition ist gescheitert. Das Kernstück der Reform, die Primarschule, wurde in einer von der Bürgerinitiative “WIR WOLLEN LERNEN” initiierten Volksabstimmung abgelehnt. Noch vor Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses hatte Bürgermeister Ole von Beust (CDU) für August 2010 seinen Rücktritt angekündigt.
An der Primarschule sollten alle Kinder bis zur 6. Klasse gemeinsam lernen (eingliedriges Schulsystem). Erst dann sollte sich entscheiden, wer eine weiterführende Schule bis zum Abitur besuchen kann und wer nicht (mehrgliedriges Schulsystem). Das wäre eine grundlegende Veränderung des in Deutschland üblichen dreigliedrigen Schulsystems aus Gymnasium, Realschule und Hauptschule gewesen, daß die Kinder schon nach der 4.Klasse auseinandersortiert (schulische Selektion nach Leistung). Andere Teile der Reform werden aber umgesetzt. So wird es neben den Gymnasien keine Realschulen und Hauptschulen mehr geben, sondern nur noch sogenannte Stadtteilschulen, in denen aber auch ein Abitur gemacht werden kann! Außerdem werden mehr Lehrer eingestellt, wenn auch nicht so viele wie bei der 6-jährigen Primarschule vorgesehen.
Die Befürworter der Reform, angeführt von der grünen Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL), argumentierten, eine längere Grundschulzeit würde “schwachen” Schülern aus benachteiligten Familien helfen und so die Chancengleichheit verbessern. Die Gegner sorgten sich vor allem um die “guten” Schüler. Deren Lernerfolg könnte unter zuviel Rücksichtnahme auf “schwächere” Schüler leiden.
Christa Goetsch (GAL), Schulsenatorin in Hamburg. Quelle: Wikipedia
In vielen Kommentaren, so z.B. auf SPIEGEL ONLINE, wurde immer wieder hervorgehoben, daß es sich bei dem Hamburger Streit um die Schulreform um eine Art “Glaubenskrieg” gehandelt habe, denn es gäbe keine Beweise, welches Schulsystem das Bessere sei. Doch das stimmt so nicht, denn schon im Jahre 2006 wurde in einer Studie genau überprüft, welche Auswirkungen ein längeres gemeinsames Lernen auf den Schulerfolg hat.
Die Bildungsökonomen Ludger Wößmann vom IFO-Institut (www.cesifo.de/) und Eric A. Hanushek von der Stanford University (www.hanushek.net/) verglichen Lernerfolg und faire Bildungschancen (unabhängig von der familiären Herkunft, also Bildung und Einkommen der Eltern) bei Schulsystemen verschiedener Länder. Dabei zeigte sich, daß nicht so sehr die zur Verfügung stehenden Geldmittel und die Klassengröße auschlaggebend waren, sondern vor allem die Zeit des gemeinsamen Lernens. Je später die Schüler auseinandersortiert wurden, also entsprechend ihres aktuelle erreichten Leistungsniveaus auf verschiedene Schulformen verteilt wurden, umso besser! Das zeigt sehr schön die folgende Grafik:
Streuung der Schülerleistungen am Ende der allen Ländern gemeinsamen Grundschulzeit (IGLU) im Vergleich zur Oberstufe (PISA 2003), jeweils relativ zum Mittelwert aller Länder. Die Steigung der Geraden ist ein Maß für die Veränderungen der Ungleichheit in den schulischen Leistungen innerhalb des jeweiligen Landes. Die gelb dargestellten Länder haben bis zum PISA-Alter eingliedrige Schulsysteme, wo die Schüler gemeisam lernen; die schwarz dargestellten Länder haben dagegen Schulsysteme, die im PISA-Alter bereits mehrgliedrig sind. Besonders extrem sind die Verhältnisse in Deutschland, dessen Schulsystem die Schüler bereits nach der 4.Klasse aufteilt. Quelle: Hanushek,Wößmann 2006
In allen untersuchten Ländern werden die Schüler in den ersten 4 Jahren gemeinsam unterrichtet. Erst danach werden in einigen Ländern die Schüler auseinandersortiert, in anderen aber noch lange nicht. In vielen Ländern lernt man bis zur 10 Klasse gemeinsam, wo die Schüler im Durchschnitt bereits 16 Jahre alt sind.
Die Grafik vergleicht die Ungleichheiten der schulischen Leistungen nach 4 Jahren (Grundschule) und nach 10 Jahren (vor Beginn der Oberstufe, die zum Abitur führt). Damit werden konkrete Aussagen über die Auswirkungen eines kürzeren oder längeren gemeinsamen Lernens möglich.
Die schulischen Leistungen wurden anhand der Ergebnisse in internationalen Tests (IGLU, PISA) ermittelt, welche die Lesefähigkeiten der Schüler überprüften.
Auf der linken Seite der Grafik ist die Ungleichheit der Leistungsergebnisse im IGLU-Test nach der allen untersuchten Ländern gemeinsamen Grundschulzeit von 4 Jahren eingetragen, auf der der rechten Seite die Ungleichheit der Leistungsergebnisse im PISA-Test nach 10 Schuljahren. Maß für die Ungleichheit der Leistungsergebnisse innerhalb eines Landes ist die Standardabweichung der Testergebnisse. Die Standardabweichung beschreibt die durchschnittliche Abweichung der Einzelwerte vom Mittelwert.
Die Veränderung der Ungleichheit in den schulischen Leistungsergebnissen (Leistungsstreuung) wird durch die Steigung der Geraden wiedergegeben, welche die beiden als Punkte eingezeichneten Standardabweichungen eines jeden Landes verbindet. Länder, die ihre Schüler früh auseinandersortieren sind gelb, Länder die ihren Schülern ein längeres gemeinsames Lernen ermöglichen dagegen schwarz dargestellt.
Schon auf den ersten Blick fällt auf, daß nahezu alle dunklen Geraden nach oben zeigen, so gut wie alle gelben jedoch nach unten. Das heißt: In Ländern, die ihre Schüler schon frühzeitig in verschiedene Schulformen einsortieren, nimmt die Ungleichheit über die Jahre (fast) immer weiter zu, in Ländern, die ihre Schüler länger gemeinsam lernen lassen, nimmt sie dagegen (fast) immer weiter ab.
Besonders auffällig sind die Verhältnisse in Deutschland, dessen dreigliedriges Schulsystem eine anfangs nur geringe Ungleichheit der schulischen Leistungen mehr als verdreifacht. Es ist also ganz offensichtlich, das deutsche Schulsystem fördert die Ungleichheit der schulischen Leistungen und verfehlt damit das Ziel der Chancengleichheit unabhängig von der familiären Herkunft.
Wie groß die Abhängigkeit des schulischen Erfolges von der sozialen Herkunft in Deutschland wirklich ist, zeigt ein weiterer internationale Vergleich:
Schulische Selektion und sozialökonomischer Status. Quelle: Schütz, West, Wößmann (2007).
In Ländern, wo die Schüler mindestens bis zum 15. Lebensjahr gemeinsam lernen können ist der durchschnittliche Leistungsunterschied – untersucht wurden mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten – zwischen Schülern aus Familien mit hohem sozialen Status (oberste 25%) und niedrigem sozialen Status (unterste 25%) bei weitem nicht so ausgeprägt (57,6 zu 21,7 etwa 5:2), wie in Deutschland (und wenigen anderen Ländern), wo die Schüler schon mit 10 Jahren nach dem 4. Schuljahr getrennt werden (59,4 zu 0,0 etwa 60:0). Die Leistung von Schülern aus Familien mit hohem sozialen Status ist bei beiden Schulsystemen nahezu dieselbe.
Der familiäre Hintergrund der Schüler wurde anhand der Zahl der Bücher im Elternhaus ermittelt, ein guter und durch Befragung zuverlässig zu ermittlender Indikator für Einkommen und Bildungsstand der Eltern.
Der immer wieder vorgebrachte Einwand, daß längeres gemeinsames Lernen mit “schlechteren” Schülern den “besseren” Schülern schade, ist mit dieser Untersuchung, die sich auf immerhin rund 180.000 Schüler in 27 Ländern stützte, weitestgehend entkräftet. Was übrig bleibt ist die Tatsache, daß langes gemeinsames Lernen den Schülern mit ungünstigerem familiären Hintergrund eindeutig weiterhilft, sogar mehr als alle anderen Maßnahmen wie mehr Lehrer und kleinere Klassen.
Eine spätere Aufteilung hilft Schülern übrigens nicht nur beim Lernen, sondern macht sie auch friedfertiger. Das konnten US-amerikanische Wissenschaftler in einer Studie aus dem Jahre 2007 direkt beweisen, in der es um Regelverstöße von Schülern und verschiedne Schulsysteme im US-Bundesstaat North Carolina ging. Schüler die in der 6. Klasse noch die gemeinsame Grundschule besuchten, waren nur halb so oft gewalttätig wie Schüler, die zu diesem Zeitpunkt schon auf eine andere Schule gewechselt hatten. Bei Drogendelikten war das Verhältnis mit 1:5 sogar noch günstiger. Die günstige Wirkung eines späteren Schulwechsels konnte bis zur 9.Klasse nachgewiesen werden. Bis dahin zumindest wurde der Lebensweg der Schüler bisher verfolgt.
Die Wissenschaftler erklären die Friedfertigkeit der späten Schulwechsler damit, daß sie nicht so wie die frühen Schulwechslern in einer sensiblen Lebensphase auf ältere Mitschüler treffen, die sie oft drangsalieren und/oder als negatives Vorbild wirken.
Fazit: Es ist schon erstaunlich, was alleine die Verlängerung der Zeit des gemeinsamen Lernens bewirken kann. An diesem Beispiel wird deutlich, daß die Unterschiede in der Bildung und damit auch im sozialen Status und Einkommen in letzter Instanz nicht durch ein Naturgesetz vorgegeben sind, sondern zu einem erheblichen, ja überwiegenden Teil gesellschaftlich gemacht!
Anhang: Gaußkurve und Standardabweichung
Die Gaußkurve (Glockenkurve) beschreibt die am häufigsten vorkommende Wahrscheinlichkeitsverteilung von Werten bzw. Ereignissen. Die Standardabweichung ist ein Maß für die Streuung um den Mittelwert der Kurve.
Zwei statistische Normalverteilungen mit gleichen Mittelwert, aber unterschiedlichen Standardabweichungen. Quelle: Wikipedia
Bei der statistischen Normalverteilung liegen 68,2% aller Werte innerhalb einer Standardabweichung. Innerhalb der doppelten Standardabweichung sind es dann schon 95,4%.
Gaußkurve mit ein-, zwei- und dreifacher Standardabweichung. Quelle: Wikipedia
Die gesamte Fläche unter der Kurve steht für 100%, also die Gesamtheit aller Werte 100%, entsprechend der Wahrscheinlichkeit 1.
Jens Christian Heuer
Quellen: “Does Educational Tracking Affect Performance and Inequality? Differences-in-Differences Evidence across Countries”, Economic Journal 116 von Ludger Wößmann und Eric A. Hanushek; “School Accountability, Autonomy, Choice and the Equity of Student Achievement: International Evidence from PISA 2003″ von Ludger Wößmann, G. Schütz, M.R. West; “Should Sixth Grade be in Elementary or Middle School? An Analysis of Grade Configuration and Student Behavior” von Philip J. Cook, Robert MacCoun, Clara Muschkin, Jacob Vigdor
Über diesen Eintrag
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- Veröffentlicht:
- Dienstag, 20 Juli, 2010 / 13:39
- Kategorie:
- Politik und Wirtschaft
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